Dienstag, 31. Mai 2016

Festivalbericht: Das war das 25. Wave-Gotik-Treffen 2016



Großer Bahnhof in Leipzig.

Leipzig Hauptbahnhof (Foto: Appaloosa)

Nein, der doch nicht. (Obwohl gegen Ende noch einmal von ihm die Rede sein wird.) Es war vielmehr das 25. Wave-Gotik-Treffen, das die Anhänger der Schwarzen Szene aus aller Welt zusammen rief. Gemeinsam zelebrierten mehr als 20.000 von ihnen Leipzig als Welthauptstadt des Dunklen, Geheimnisvollen und Melancholischen ebenso wie als Mittelpunkt einer Alternativkultur, die in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder neue Strömungen aufsaugte und eigene, neue gebar. Neben Bandauftritten in so unterschiedlichen musikalischen Genres wie Dark Wave, Post Punk, Gothic Rock, Doom Metal, Electro, Futurepop, Neoklassik oder Neofolk ist es auch die ganze Bandbreite weiterer Medien und künstlerischer Ausdrucksformen, die fasziniert: Lesungen von klassischen Gothic Novels bis zu modernen Geschichten und Selbstironischen Essays, Tanz, Theater, Oper, Kino, Diskussionen, diverse Ausstellungen mit mehr oder weniger morbidem Charakter, Führungen zur Sepulkralarchitektur, Live-Rollenspiel, klassische Musik, Denkmalbesichtigungen, Museumsführungen, Fetischparty, ja sogar Gottesdienste für Gothics oder Stricknachmittage einfach zum Quatschen wurden geboten und gewiss auch angenommen. Das Wave-Gotik-Treffen ist eben kein Musikfestival, sondern viel mehr ein umfassendes Kulturangebot, zusammengehalten von der Klammer der schwarzen Kultur.

Die Mittelalter-Rocker von Cultus Ferox im Heidnischen Dorf

Leipzig und seine Einwohner haben die Schwarzgewandeten längst in ihr Herz geschlossen und betrachten das Wave-Gotik-Treffen als wichtigen Teil der kulturellen Identität der Stadt. Nur so ist auch die hohe Verzahnung mit allen möglichen Angeboten der Stadt zu erklären. Die städtischen Bühnen von Oper und Schauspiel geben ebenso Gelegenheit zum Besuch ihrer Veranstaltungen wie diverse Leipziger Museen, die – wie beim Grassimuseum – sogar Sonderausstellungen über Themen wie Tattoo-Kunst aus verschiedenen Regionen der Erde, die Entwicklung der Parfüm-Düfte vom alten Ägypten bis zur heutigen Zeit oder über Kleidermode in Renaissance, Barock und Rokoko anbieten.

Die Electro-Band System Noir im Non Tox

Bei diesem weitgefächerten Angebot ist es auch kein Wunder, dass viele Besucher vor allem das Treffen mit Freunden aus der Szene als wichtigsten Aspekt ansehen. Trotzdem sollte die Anziehungskraft der einzelnen Veranstaltungen nicht unterschätzt werden. Die Veranstaltungsorte sind oft sehr gut gefüllt, in Einzelfällen wird auch der Einlass gestoppt wegen Überfüllung. Klassisches Beispiel dafür ist das Schauspielhaus, dessen begrenzte Sitzplatzkapazität meist schnell erreicht ist. Aber auch größere Hallen wie zum Beispiel der Kohlrabizirkus, kommen bei beliebten Haupt-Acts immer mal wieder an seine Kapazitätsgrenzen. Übrigens ist diese begrenzte Kapazität der einzelnen Bühnen auch ein Grund dafür, dass zum Wave-Gotik-Treffen eher nicht die ganz großen Überflieger gebucht werden. Bands wie Depeche Mode oder Dead Can Dance werden hier nie auftreten, einfach weil unter den verschiedenen Spielstätten keine Halle vorhanden ist, die groß genug wäre, um den erwarteten Besucherandrang zu bewältigen. Ein Beispiel dazu später.

Michael Brunner, einer der Gründer des Wave-Gotik-Treffens

Ausdruck dessen, dass das Wave-Gotik-Treffen als fester Teil des Leipziger Kulturjahres begriffen wird, ist die Sonderausstellung des Stadtgeschichtlichen Museums zum 25. Jubiläum des Treffens. Kuratorin Jennifer Hoffert-Karas half bei der Konzeption einer Ausstellung zur Gothic-Kultur und nahm auch an einer Diskussionsveranstaltung zur Ausstellung teil. Interessant dort sind vor allem die Bereiche, die über die Wurzeln in der DDR berichten. Selbstgemachte Kleidung und Schuhe, Berichte über das Dasein als Gruftie in der DDR, selbsterstellte und handkopierte Musikmagazine, selbst zusammengestellte Kassetten mit Musik von Dark-Wave-Bands der 80erjahre und phantasievoll selbst gemalten Coverbildern. Da schwelgt der altgediente Gruftie in Erinnerungen. In der gleichen Podiumsdiskussion berichteten auch einer der Gründer des Treffens, Michael Brunner und der ehemalige Pressesprecher, Peter Matzke ein wenig aus dem Nähkästchen. So zum Beispiel über die bescheidenen Anfängen zum ersten Treffen 1991 mit ganzen acht Bands. Unter denen war auch schon damals "Das Ich", die in diesem Jahr erneut auftraten. Einige Szenegrößen sind glücklicherweise sehr ausdauernd. Oder über das Pleite-Treffen von 2000, als der Veranstalter während des Treffens insolvent wurde und sich trotzdem Bands bereit fanden, einfach ohne Gage weiter zu spielen, Fans die Security übernahmen und der Rest des Treffens in Eigenregie organisiert wurde. Erfahrene Besucher des Wave-Gotik-Treffens werden sich erinnern …

Höhenfeuerwerk in Belantis

Eine Besonderheit zur Feier eines Vierteljahrhunderts Wave-Gotik-Treffen war sicher die Eröffnungsveranstaltung am Donnerstag im Vergnügungspark Belantis, am südlichen Stadtrand von Leipzig. Die Diskussionen im Vorfeld, ob es passend sei, als schwarze Subkultur ausgerechnet in einem Vergnügungspark zu feiern, wurde eindrucksvoll beantwortet von 8.500 Gästen, die die Achterbahnen, Wildwasserrutschen, Riesenschaukeln und sonstige Fahrgeschäfte von Belantis so sehr füllten wie noch nie während seines Bestehens. Hier bestand also durchaus ein Bedarf. Vier Zelte und Hallen mit DJ verschiedener Stilrichtungen zogen das Partyvolk natürlich ebenso an. Und natürlich sorgte auch ein spektakuläres Höhenfeuerwerk für Staunen. Zeitweise wurde der Shuttlebus-Verkehr zum Vergnügungspark ausgesetzt, da Belantis sonst überfüllt worden wäre.

Leaves’ Eyes mit brandneuer Sängerin

Ein anderer – musikalischer – Höhepunkt des Freitags neben der Diskussion mit Insidern anlässlich der Jubiläumsausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum war für viele Fans der Auftritt der Symphonic-Metal-Band Leaves’ Eyes, die hier wohl so ziemlich zum ersten Mal mit neuer Frontfrau Elina Siirala auftraten.

Theater: Moliére im Täubchenthal

Ein Beispiel für überfüllte Auftrittsorte gab es schon am frühen Samstag. Allerdings sind die Räume des  Bundesverbandes Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V. auch sehr bescheiden und das Akustik-Konzert der Leipziger Rockband Canterra, das Schirmherrin Luci van Org präsentierte, wurde so zu einem recht engen Beisammensein. Der Verein erfüllt wichtige Aufgaben in der Trauerbegleitung, ist jedoch durch seinen speziellen Fokus vielen nicht wirklich präsent. Eine gute Gelegenheit, das Wave-Gotik-Treffen zu nutzen, um auf seine Arbeit aufmerksam zu machen. Einen starken Kontrast dazu bildete der Veranstaltungsort der Theateraufführung von Moliéres „Die gelehrten Frauen“ auf der Freilichtbühne im Täubchenthal. Die ironische Komödie des französischen Meisters, der wie gewohnt jedem einen Spiegel vorhält, fand ebenfalls genug Zuschauer, um alle Plätze dicht zu besetzen.

Sigue Sigue Sputnik im Täubchenthal

Wenige Stunden später sah das schon anders aus. Nun spielten im Veranstaltungssaal des Täubchenthals die 80erjahre Schock-Glamrocker Sigue Sigue Sputnik in einer ihrer mittlerweile unübersichtlichen Reunions und die Halle war gestopft voll. Kein Wunder, diese Band wollten verdammt viele Zuschauer sehen. So viele, dass selbst die Gänge zur Halle noch voller Menschen waren, die lediglich dem Sound der Musik der Band rund um Sänger Martin Degville lauschen konnten.

Crematory im Kohlrabizirkus
Enslaved im Kohlrabizirkus

Weitere Höhepunkte waren sicher die Auftritte der deutschen Gothic-Metal-Heroen von Crematory, die für eine brechend volle Halle im Kohlrabizirkus sorgten und von Enslaved, einer der Bands die einst den Viking-Metal erfanden und populär machten. Für andächtiges Köpfe-Nicken war gesorgt.

Aurelio Voltaire im Heidnischen Dorf
Gernotshagen im Heidnischen Dorf

Der Sonntag bot auf der Freilichtbühne im Heidnischen Dorf, einem weitläufigen Mittelaltermarkt, vom Dark Folk Aurelio Voltaires bis hin zum Pagan Metal der aus einer Reenactment-Gruppe hervorgegangenen Band Gernotshagen (in typischer Aufmachung) jede Menge Abwechslung.

Carach Angren im Felsenkeller
My Dying Bride im Felsenkeller

Im Felsenkeller, einer weiteren der vielen Spielstätten des Treffens, trat mit Carach Angren eine besondere Band auf, deren Konzeptalben Black Metal mit orchestralem Sound kreuzen. Ebenso sind Live-Auftritte der Band immer wieder besondere Performances. Für Fans der alten Schule traten mit My Dying Bride die letzten der ehemaligen Big Three des Doom Metal auf, die diesem Genre noch immer treu geblieben sind.

Impression von der Szenemesse

Auch der Pfingstmontag bot noch einmal viele Highlights auf, schließlich ist dies traditionell der letzte Tag des Wave-Gotik-Treffens. Wer es erst einmal ruhig angehen wollte oder auf reduzierte Angebote abgesehen hatte, war auf dem Agra-Gelände, in der Halle der Szenemesse richtig. Hier boten wie jedes Jahr Händler jeder Couleur so ziemlich alles an, was den Szenegänger interessieren könnte: Vom Stiefel mit extrahohen Absätzen über Ledermieder, Zylinder, Armbänder, Masken, fantasievollem Kopfschmuck bis hin zu Parfüm, Nagelstudio, CD-Händlern, Büchern und Kunst war alles vertreten.

Aranea Peel von den Grausamen Töchtern im Kohlrabizirkus

Musikalische Highlights waren unter anderem sicher die Grausamen Töchter, die ihre treibenden Electro-Rhythmen mit bekannt spektakulärer Bühnenshow präsentierten, während im Felsenkeller auch an diesem Tag wieder eher Metal-lastige Klänge zu hören waren, unter anderem von den Islandern von Skálmöld. Wer hingegen auf ruhigere Klänge stand, um das 25. Wave-Gotik-Treffen besinnlich ausklingen zu lassen, war definitiv im Schauspielhaus gut untergebracht. Hier versorgten unter anderem Sangre de Muerdago mit getragenen galizischen Folksongs in traditioneller Machart und Irfan mit Weltmusik unter anderem auf persischen und indischen Instrumenten die Zuhörer.

Irfan im Schauspielhaus

Nicht unerwähnt bleiben sollen auch – stellvertretend für weitere – zwei Ausstellungen rund ums Wave-Gotik-Treffen. So direkt auf dem Hauptbahnhof (auf den wir hiermit wie versprochen wieder zurück kommen), wo aufgrund des Laufpublikums und der Reisegäste für genug Besucher gesorgt war. Fotografien von szenebekannten Größen wie Gerd Lehmann, Corwin von Kuhwede und vielen anderen zeigten die Vielfalt und Entwicklung der schwarzen Subkultur. Eine weitere Ausstellung verschiedener Künstler mit vor allem bildlicher, aber auch halbskulpturaler Kunst zeigte das Agra-Café direkt auf dem Treffen-Gelände. 

Ausstellung im Treffen-Café
Ausstellung im Hauptbahnhof

Fazit: Zum 25. Wave-Gotik-Treffen hat die Vielfalt der Angebote einen für den unvorbereiteten Besucher kaum noch erfassbaren Umfang angenommen. Aber das stellt andererseits auch sicher, dass wirklich für jeden Geschmack etwas dabei ist. Und das Wave-Gotik-Treffen ist eben kein Bespaßungsfestival, wo den ganzen Tag auf einer Bühne nacheinander ein paar Bands spielen und nebenan ein Bier- und Wurststand in der Bandpause die sonstigen Bedürfnisse der Besucher befriedigt. Hier geht es um mehr. Es wird versucht, die komplette Vielfalt der schwarzen Szene abzubilden. Ein durchaus ehrenwertes Unterfangen, denn nach 25 Jahren hat sich die einstige Jugendkultur und Protestszene gegen Kommerz, Anpassungswahn, Konformität und Spaßfixiertheit in eine reine Eventszene verändert, in der viele Besucher sich auch einfach nur mal für ein Wochenende herausputzen, eine Art besonderen Black Carnival feiern. Dem steht das breite Angebot zu jedem möglichen Aspekt des „Schwarzseins“ entgegen. Sicher findet jeder, der sich weiter in die Szene vertiefen will, in die er vielleicht mehr zufällig hineingerutscht ist, Möglichkeiten, sich über die Musik hinaus damit zu beschäftigen und weitere Facetten zu entdecken. Und dies wird auch in einem Jahr, beim 26. Wave-Gotik-Treffen so sein.

Impression vom Heidnischen Dorf


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen